„ Altlüner Schützenfest aus dem Jahre 1849“

Zeitpunkt? Als Gerste und Roggen noch nicht schnittreif waren!

Was könnte mehr Freude ins Dorf bringen, als ein Schützenfest! Kein anderes Fest kennen sie, das alle, Herrn und Knecht, Frau und Magd, Schäfer und Öhms zusammenführt zur gemeinsamen Feier. Das Schützenfest war und ist ihr Fest, und lange vorher spricht man von nichts anderem als von ihm.

Ganz Altlünen feiert gemeinsam. Schulzen und Altbauern haben alle Vorbereitungen besprochen und erledigt. Mit dem Aufschlagen eines kleinen Zeltes bei „Mackenberg“ (heute „Haus Wienecke“) fängt es an und damit für die Kinder, die vom Eifer der Großen angesteckt, wenigstens im Zuschauen Anteil haben wollen.

Der Vogel aus hartem Wurzelholz ist dem Schreiner Merten aus Alstedde so gut gelungen, dass die Ähnlichkeit mit einem Adler erkennbar ist. ER steht für seinen „Opfergang“ bereit.

Und die Vogelstange, nach dem letzten Fest in Röllmanns Scheune unter Dach und Fach gebracht, ist zur Scher auf Borgschulzen Grund geschafft, unweit der jetzigen Straße „An der Vogelscher“.

Der Samstagabend mit der Stunde des Festbeginns ist nun da. Das Abendwerk auf Höfen und Kotten ist früher getan als sonst und bald strömen von allen Seiten die Schützen herbei.

Der Hauptmann kommt auf seinem blanken Pferd, das drei Wochen lang guten Hafer bekommen hat, und nun glänzt wie eine Fensterscheibe in der Sonne.

Das alte Königspaar wird abgeholt. 1845 waren es TH. Heinr. Struckmann und A.M. Gertrudis Pelleringhoff. Zu diesem Hof nun marschiert der Schützenzug. Voran die Männer mit den großen Blashörnern und der dicken Pauke, dann der Hauptmann mit der grün-weißen Schärpe auf seinem Pferd, dann die Schützen mit ihren Holzgewehren, deren Laufende ein Blumensträußchen schmückt, in Reih und Glied, wie sie es in ihrer Dienstzeit gelernt haben bei den Dreizehnern in Münster oder den 8. Husaren in Paderborn.

Das Königspaar, er in Gehrock und Zylinder mit Schulterschärpe und Königskette, sie mit Diadem und Rosen, schreitet die Front ab. Beide ganz Würde und Majestät, und niemand sieht ihnen an, dass sie vor tagen noch schwere Arbeit auf Acker und Kamp, in Küche und Stall getan haben.

Der mit Blumengirlanden geschmückte Königswagen, dessen Pferde, gestriegelt und gebürstet, in Geschirr und Mähnen bunte Bänder tragen, steht bereit, und das königliche Paar nimmt Platz. Mit Paukenschlag und Hörnerschall geht es zum Festlokal.

Im Zelt sitzen anfangs Bauern und Kötter ein wenig steif und getrennt an den Tischen. Nach und Nach aber füllen sich die reihen, Frauen und Mädchen treffen ein, auch der Pastor Urban von Wieck hat seinen Ehrenplatz eingenommen.

Vom vielen Reden und Zuhören hält niemand etwas,

doch eine kurze Begrüßung und ein Hoch auf den derzeitigen König Friedrich Wilhelm IV. Von Preußen dürfen nicht fehlen. So verlangt es das Protokoll. Dann fordert die Musik auf zum Walzer und zur Polka, und ein Hüpfen und Springen hebt an, das die Backen der Jungdeerns glühen wie ein Paradiesapfel und die Gelenkigkeit der Jungbauern kaum zu fassen ist. Wein und Bier tun allmählich ihre Wirkung., und bald ist jede Absonderung vorbei, und es gibt keinen Unterschied mehr, ob einer 200 Morgen an den Stiefeln hängen hat oder 20.

Auch die Würde des Königs ist etwas verblasst, , als an diesem Abend um Mitternacht Feierabend geboten wird; denn schwere Tage stehen noch bevor. Alle auch sind sich einig:“ Et was'n schöinen Anfang!“. Bennatz und Kathrin können das bestimmt sagen, sie hatten Gelegenheit gefunden, sich das erste „Mülken“, (Kuß), zu geben.

Verwundert schaut das Käuzchen aus seinem Astloch in der dicken Kopfweide den schwankenden Gestalten nach, die über die alte Laakstraße ihrem Kotten zusteuern.

Der Kirchgang am Sonntagmorgen wird manchem schwerer als stundenlang Garben zu laden. Doch alle sind sie da. Zwar rauschen die Worte des Pastors über die Bedeutung der alten Schützengilden vorbei, und aus den hinteren Bänken lassen sich leichte Schnarchtöne vernehmen, doch der Herrgott und der Pastor nehmen das an diesem Tage sicher keinem übel.

Ein kurzer Frühschoppen sorgt für Aufmunterung, und nach einem deftigen Mittagessen kriecht jeder in seine Bettlade. Einen Umzug mit Nachbarvereinen gibt es noch nicht, und erst, als das Vieh versorgt ist, finden sich alle wieder bei Tanz und Trank und Fröhlichkeit im Festzelt ein. Und der Abend verläuft wie der gestrige: „Et was fermaust!“

Spannung und Erwartung lassen am Montagmorgen die Schützen frischer erscheinen. Es geht zum Vogelplatz hinaus. Der Adler wird in seine luftige Höhe gehoben, und bald fängt ein Ballern und Bollern an, dass es bis auf die fernsten Höfe dringt. In Küche und Kammer, in Deele und Backs, wo das Frauenvolk sein Morgenwerk tut, horcht man auf und fragt einander: „Wer wird es werden? Wen wird er als Königin nehmen?“

Doch so leicht und schnell lässt sich der Vogel nicht unterkriegen. Zwar hat er Flügel und Schwanz, Kopf und Krone schon hergeben müssen, doch der Rest hält stand, und gäbe es nicht Bier und Schnaps als Zielwasser, er hätte den Tagesablauf über den Haufen geworfen. Sein zäher Widerstand erweckt neuen Eifer, und ein wenig verbissen gehen ihm die Schützen weiter zu Leibe, und endlich muss er kapitulieren. Der junge Johann Bernhard Hülsmann ist der strahlende Sieger. Ein dreifaches Hoch mit Paukengedröhn und Hörnerklang hallt in die Bauernschaft hinein, und dann wissen es alle: Es ist so weit! Nun geht es um die Königin! Und manches Deern, die sich Hoffnung macht, hält den Atem an, zu der selig-bangen Frage: Werd ich es sein?

Eine kurze Beratung unter der leeren Vogelstange.

Dann braust des Hauptmanns Adjutant auf seinem Pferd davon, dass Schärpe und Mähne flattern und der Sand unter den Hufen aufwirbelt. In Richtung Alstedde geht’s, dann den Feldweg hinein auf Trillmans Hof. Ja, die Getrud ist gemeint. Auch sie hat im Stillen gehofft, nun aber wird ihr bange. Doch absagen darf sie nicht, sie dürfte sich nie wieder auf einem fest sehen lassen. Wie ein Lauffeier verbreitet sich die Kunde, und wie in einem Ameisenhaufen geht es bald zu auf Trilmanns Hof. Das Königskleid!, Ja wenn sie es vorher sicher gewusst hätte! Doch die weibliche Nachbarschaft steht ihr mit Meinung, Rat und Tat zur Seite, und als sie nach der Vesperzeit auf den Thron gehoben wird, ist sie die Schönste von allen im Zelt.

Nun geht die Freude von neuem an. Der Wein macht fröhlich, die Musik lockt, der Schweiß perlt: die Deerns kreischen vor Lebenslust und-freud, an der Theke stehen sie und singen, und niemand merkt, dass die Morgenhelle aufsteigt, begleitet von dem jungen Volk der Nachbarn, Arm in Arm Bauernsohn und Kötterdeern.

Dann sind die lauten Tage vorbei. Lange noch spricht man von diesem Fest. Alle spüren, es hat ihnen neue Lebensfrische und damit Kraft gegeben für die nun kommende, arbeitsreiche Zeit der Ernte.

Nacherzählt nach einer Geschichte von Aloys Siegeroth

Horrido

Ingo Schinck

(Presse- und Sozialwart)